Eigentlich hatte ich mir das erste Mal mit Nadine Gordimer
anders vorgestellt: Einen dicken, fetten Roman, der mir klar machen sollte,
warum diese weiße Frau aus Südafrika1991 den Nobelpreis für Literatur verliehen
bekam.
Dicke, fette, neue, gebundene Bücher kann ich mir aber nur
selten leisten und es brauchte dann doch einiges an Verhandlungsgeschick,
meinem Lieblingsbuchhändler, einem halbblinden Araber, der seit 30 Jahren in Dortmund eine Buchhandlung hat, ein
Bändchen mit Essays von ihr, aus dem Jahre 1996 abzuschwatzen. Heute glaube ich, dieser Punkt hätte Nadine
Gordimer gefallen.
„Schreiben und Sein“ sind Essays und beginnt mit ihrer
Nobelpreisrede. Eine Dankesrede halt
und ein Pamphlet zur Freiheit und zur Wahrheit. Die dann folgenden Essays führen
zu Gordimers Gedanken zur Wahrheit und zur Wahrheitssuche und dem
Selbstverständnis eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin und
natürlich rechnet sie am Rande mit der Literaturkritik ab.
Wie sehr Gordimer, die eindeutig als Leserein zur Literatur
kam, eingebunden ist das Denken und
Fühlen geprägt durch die Literatur, wird durch ihr Schwärmen für die großen
Gegenwartsdichter des letzten Jahrhunderts deutlich: Joseph Roth, Adams Rippe,
Nagib Machfus, Chinua Achebe, Amos Oz, die sie als herausragende Wahrheitssucher
darstellt und über die sie in den Essays erzählt. Ebenso begeistert nennt sie
noch weitere Klassiker der Weltliteratur, die ihr Denken, Fühlen und Handeln
beeinflußt haben.
„Ich suchte meine Schreibversuche durch das zu verbessern,
was ich selbst beim Lesen lernte. Denn meine Schule war die städtische
Leihbücherei. Proust, Tschechow und Dostojewski, um nur einige wenige zu nennen,
denen ich meine Existenz als Schriftstellerin schulde, waren meine Lehrer. In
dieser Phase meines Lebens war ich in der Tat ein Lebender Beweis der Theorie,
daß Bücher aus anderen Büchern gemacht werden...“ (Gordimer, Seite 13)
„Schreiben und Sein“ ist eine Liebeserklärung an die
Literatur und gleichzeitig ein persönliches Bekenntnis. So denkt und fühlt also Nadine Gordimer!
Ich frage mich nun allerdings, ob die großen Schriftsteller
und Schriftstellerinnen tatsächlich die großen Wahrheitssucher sind und haben
sie wirklich die Weisheit mit Löffeln gefressen. Nadine Gordimer lese ich auf
jeden Fall weiter und diesmal wird es ein Roman von ihr sein. Der liegt schon
auf Halde, im Regal. Und ebenso werde
ich auch wieder die Autoren lesen, an die Gordimer so eindrucksvoll in ihren
Essays erinnert hat.
Nadine Gordimer: Schreiben und Sein
Aus dem Englischen von Friederike Kuhn
© 1996 Berlin Verlag
Umschlaggestaltung: Nina Rothfos und Patrick Gabler, Hamburg
unter Verwendung einer Photographie von Isolde Ohlbaum
© Isolde Ohlbaum