Montag, 17. Dezember 2012
An Filidor
Hab Gold und Güter viel, wie Sand am Meere,
Sei eines Königs Liebling auch,
Ein Mädchen liebe dich, gefüllt sei dein Bauch
Mit Götterkost und sättige dich mit Ehre,
Die halbe Erde sei bedürftig deines Lichts -
Du lebest doch mit all dem vergebens,
Denn hast du nicht Philosophie des Lebens,
So hast du nichts.
Novalis
Sonntag, 9. Dezember 2012
Die weissen Götter
Der kleine Textauszug:
Die dritte Schlacht gegen Cortes – die Entscheidungsschlacht
– hatte Prinz Kriegsmaske verloren, weil er Kreideschmetterling gewonnen, weil
er, von rasender Eifersucht verleitet, während des Kampfes das Zelt seines
Mitfeldherrn Piltecatl umstellen und Kreideschmetterling daraus rauben ließ,
worauf Piltecatl mit vierzigtausend Kriegern sich grollend vom Kampffeld
zurückzog. So benommen war Prinz Kriegsmaske von der zauberhaften Knäbin, daß
ihm ihr Besitz all sein Mißgeschick aufwog. In seinem Palast hielt er sie
eingeschlossen, umriegelt, umzirkt, als das Einmalige, das sie war. Ihr
früheres Vergehen war ihr verziehen; der Todesstrafe durch den geglückten
Todeslauf entronnen, war sie ja unantastbar. Ein Verliebter, dachte er auch
nicht an Vergeltung. Wieder behängte er sie mit Juwelen, gab ihr
Fächerträgerinnen, Sandalenbinderinnen, Haarkämmerinnen, Girlandenflechterinnen
und schenkte ihr einen überaus kostbaren Handspiegel aus schwarzem Obsidian,
damit sie an ihrer einzigartigen Schönheit Freude habe. Fünf alte Frauen aber
hatten Auftrag, das Zwitterwesen nie aus den Augen zu lassen. Nur in wenigen,
von Fontänen gekühlten Räumen und nur in einem kleinen Teil des Gartens war
Kreideschmetterling zu lustwandeln gestattet.
Eduard Stucken: Die weißen Götter
1931
Mittwoch, 28. November 2012
Alex Capus: Eine Frage der Zeit
Hier reizte mich
die Story: Ostfriesen aus Papenburg bauen ein Schiff und als es fertig ist,
zerlegen sie es vor dem Stapellauf und packen es in fünftausend Holzkisten und
verschiffen die nach Zentralafrika, also nicht ganz Zentralafrika, an den
Tanganjikasee, südlich des
Kilimandscharo, um es wieder zusammenzubauen.
Das machen diese drei Ostfriesen, die keine Ostfriesen sind, sondern
Emsländer.
So war er halt, der Kaiser Wilhelm II. , der Krüppel, mit dem
steifen Arm.
Dieses Schiff wieder
zusammen zu bauen, dauert über ein Jahr und für ein Jahr nun landen diese drei
Emsländer, die immer für Ostfriesen gehalten werden in Deutsch-Ostafrika,
während der erste Weltkrieg ausbricht.
Parallel zu dem
authentischen Hintergrund dieser Geschichte von diesen Ostfriesen und dem
Zusammenbau und dem Leben in Deutsch-Ostafrika, erzählt Alex Capus die
Geschichte eines Briten, einem Oberstleutnant, der irgendwann von Winston
Churchill beauftragt wird, zwei zu Kanonenboote umgebaute Ausflugsschiffe über
den Landweg an den Tanganjikasee zu bringen. Diese Oberstleutnant hat es in
sich. Er ist ein Aufschneider, der keine Freunde hat. Wider erwarten kommt er
an Ziel.
Amüsant und
unterhaltend liest sich das alles, ein
netter kleiner Roman. Die Darstellung
und Eigenschaften wie „feiner Humor mit illusionsloser Klarheit,“ die
„raffiniert aufgebaute Spannung mit sensibler Charakterzeichnung“, die der
Klappentext verspricht allerdings, oder gar die Beschreibung „wie eine Welt
vermeintlicher Gewißheiten aus den Fugen gerät“ ist für meinen Geschmack eher
ziemlich bieder rübergekommen.
Vielleicht ist das ja gewollt: Wann war noch mal die Zeit des
Biedermeiers? Jedenfalls „klingt“ dieser Roman für mich, beim lesen, so ziemlich nach Biedermeier.
Alex Capus: Eine
Frage der Zeit
© 2007 by Albrecht
Knaus Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung:
semper smile Werbeagentur, München
Umschlagmotiv:
AKG-Images
Freitag, 23. November 2012
Oliver Leistert, Theo Röhle (Hg): Generation Facebook
Ein Buch, von dem
mir beim Lesen übel geworden ist, das mich tief erschüttert hat, Entsetzen mich
packte und mein Leben wenigstens teilweise, wie ich hoffe, veränderte, war
Generation Facebook aus dem Transcript Verlag Bielefeld, 2011 von Oliver
Leistert und Theo Röhle herausgegeben.
Als erste Reaktion habe ich versucht, bei facebook den Stecker zu
ziehen, was nebenbei gesagt nicht so ohne weiteres möglich ist: Facebook
vergißt nie!
Leistert und Röhle
haben hier aktuelle Veröffentlichungen
von verschiedenen Wissenschaftlern zusammengestellt, die sich auf verschiedene
Weise zum Thema Web 2.0, facebook und vergleichbare Dienste geäußert haben und
auf diesem Gebiet jahrelange Beobachtungen, Untersuchungen und Forschungen
gemacht haben.
Heraus kam dabei
eine vernichtende und erschütternde Bilanz , ein ziemlich genauer Einblick, was
diese Dienste tun und wollen, was Nutzer und Nutzerinnen des Web 2.0 tun und
wollen und welche Gefahren oder Möglichkeiten dadurch entstehen. Rigoros wird
dabei mit Mythen, Vorstellungen und Hoffnungen aufgeräumt. Die im wesentlichen
wissenschaftlichen Berichte und Texte können allerdings nicht unbedingt von
Jedermann sofort verstanden werden. Der Versuch aber würde sich lohnen. Es sind
fundierte, analytische und sachliche Texte, belegt durch teilweise lange Literaturhinweise,
die zeigen, wie vielfältig und interdisziplinär über dieser Phänomen auch
wissenschaftlich nachgedacht und geforscht wird.
Eines habe die
meisten Texte und Kritiker gemeinsam, eine unterschwellige Forderung und
Hoffnung: Das Web 2.0 besser, bewußter und freier zu machen, verbunden mit
einigen durchaus visionären Forderungen, Möglichkeiten und Ausblicken.
Also Stecker
ziehen ist nicht unbedingt der bessere Weg.
Oliver Leistert,
Theo Röhle (Hg.): Generation Facebook
© 2011 transcript Verlag, Bielefeld
Umschlaggestaltung:
Kordula Röckhaus, Bielefeld
Sonntag, 18. November 2012
Samstag, 17. November 2012
Javier Marias: Morgen in der Schlacht denk an mich
Schon mal darüber
nachgedacht, wie es wohl wäre, wenn der Mensch mit dem man gerade zum ersten
mal Sex haben will, sich kurz auf die
Seite dreht und dann so ganz einfach stirbt? Man hat sich vielleicht nur zwei
oder dreimal vorher getroffen, es gab gerade noch ein kleines Abendessen, man
wartete darauf, daß das Kleinkind müde wurde und hat es ins Bett gebracht?
Hemd, Bluse, BH ausgezogen.... und dann legt sich das Gegenüber kurz hin mit
einem Lächeln, um nie wieder aufzustehen? Wie wäre das? In dem Roman ‚Morgen in
der Schlacht denk an mich’ hat Javier Marias darüber geschrieben. Ein vierzig
bis fünfzig jähriger Schriftsteller lernt eine verheiratete Frau mit einem
Kleinkind kennen und als der Ehemann in London weilt, trifft man sich in deren
Wohnung, ist mit der Frau und dem Kind zusammen, sieht fern, das Kind schläft
ein und dann geht man ins Schlafzimmer.
Nun reagiert
dieser Mann und der Held des Romans, dem so etwas widerfahren ist, nicht wie man es vielleicht erwarten oder
annehmen würde: Krankenwagen oder Polizei anrufen oder so etwas. Und das Lesen
dieses Romans wird zu einer langen Reise durch seine Gedanken, den folgenden
Handlungen in den Wochen danach und den sich daraus ergebenden Begegnungen. Die Begegnung dann mit dem König von Spanien
ist eine davon, für den Marias herrliche Namen erfindet, denn ich kann mir
nicht vorstellen, daß die Spanier ihren König Only the Lonely, den Einzigen,
den Einsiedler, Alleinigen, Solus, Only You, Solitär nennen, nicht alles auf
einmal, den dieser Held in einer Privataudienz mit dem Vater der Frau trifft, die ein paar Tage zuvor neben ihm gestorben
war, der aber nicht weiß, das dieser in der Nacht des Todes bei seiner Tochter
war. Die Putzfrau des Königs von Spanien hat dabei einen Auftritt von der Länge,
die man als ältere Frau benötigt, um von einem Ende des Audienzzimmers zum
anderen braucht, wenn man den Putzwagen hinter sich her zieht, in Gedanken ist,
und den König und seine Gäste gar nicht bemerkt. Okay, sie wird schneller, als
sie diese dann bemerkt und der Solitär bedenkt sie mit einem kurzen
freundlichen Nicken. Natürlich kommt es auch zu einer Begegnung mit dem Ehemann
der Verstorbenen; Moment, es waren mehrere Begegnungen und natürlich ist die
letzte dann der Showdown, überraschend, sehr überraschend.
Ausgesprochen
kultiviert hat Marias in diesem Roman den langen Satz! Ich habe noch nie so
lange Sätze gelesen, mal von dem Satz im Ulysses abgesehen, bei dem auf
Satzzeichen und Leerstellen gänzlich verzichtet wurde, was man aber nicht
vergleichen kann. Marias lange Sätze sind aber folgerichtig. Wer denkt schon,
wenn er denkt, mit Komma und Punkt. Ihnen zu folgen ist darum nicht das
geringste Problem. Etwas, das zuweilen
vielleicht, aber auch nur vielleicht, etwas strapaziert, ist das regelmäßig
Wiederkehrende. Aber auch das ist notwendig, denn, wer denkt nicht mehrmals
über die eine oder andere Sache nach.
‚Das Zutagetreten
von Angst bringt den, der angst macht oder dazu imstande ist, auf bestimmte
Gedanken, Vorbeugung gegen das, was noch nicht geschehen ist, ruft das Ergebnis
auf den Plan, Verdacht entscheidet über das, was noch nicht feststand, und
setzt es in Gang, bange Vorahnung und Erwartung zwingen dazu, die Hohlräume
auszufüllen, die sie entstehen lassen und vertiefen, etwas muß geschehen, wenn
wir wollen, daß sich Angst verflüchtigt, und das beste ist es, dafür zu sorgen,
daß sie sich erfüllt.’ (Zitat: Seite 20)
Morgen in der
Schlacht denk an mich ist ein außergewöhnlicher Roman, sicher nicht für
Jedermann, ein klein wenig gewöhnungsbedürftig, dafür aber überraschend,
unterhaltsam, witzig, tiefgründig und sicher dürfte man lange daran denken,
mitten in den Schlachten, die jeder schlägt, so am Morgen.
Javier Marias:
Morgen in der Schlacht denk an mich
Aus dem Spanischen
übersetzt von Carina von Enzenberg und Hartmut Zahn
© 1994 Javier
Marias
Für die deutsche
Ausgabe
© J.G. Cotta’sche
Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart 1998
Schutzumschlag:
Dietrich Ebert
Mittwoch, 14. November 2012
Michael J. Sandel: Plädoyer gegen die Perfektion
Das Feuilleton der
ZEIT machte vor kurzem groß mit Michael J. Sandel auf: Was ist ein gutes Leben?
Sandel „lehrt Philosophie an der Universität Harvard, er ist berühmt für seine
Vorlesung über Gerechtigkeit und seit ein paar Jahren der mediale Superstar unter
den Philosophen der Welt“, heißt es in diesem Artikel. Klar, daß ich nun neugierig geworden bin,
denn bisher ging Sandel an mir vorbei.
Nun habe ich nicht sein neuestes Buch erwischst, sondern das Einzige,
welches unsere Universitätsbibliothek Freihand hatte: Plädoyer gegen die
Perfektion, aus dem Jahre 2008. Irgendwie nicht viel Auswahl in der
Unibibliothek für einen Superstar unter den Philosophen. Um eine Ahnung davon
zu bekommen, was ein Superstar unter den Philosophen so denkt und schreibt aber
sollte es genügen.
Das Plädoyer gegen
die Perfektion, Eine Ethik im Zeitalter der genetischen Technik, beleuchtet in
fünf Kapiteln Problematiken, die sich aus der Stammzellforschung, der Eugenik,
dem Schaffen von bionischen Athleten und dem entwerfen von Kindern der entwerfenden
Eltern ergeben. Dabei stellt Sandel das
Für und Wider zunächst wertfrei gegenüber und weißt auf mögliche Wirkungen und Folgen hin. Und das macht er
für mich schlüssig, visionär und leicht verständlich. Das Plädoyer gegen die
Perfektion ist somit kein
wissenschaftliches Fachbuch. Aber ein überaus wichtiges für unser Leben.
‚Vor einigen
Jahren entschied ein Paar, daß es ein Kind haben wolle, vorzugsweise ein
taubes. Beide Partner waren taub – und stolz darauf. Wie andere in der
Gemeinschaft derer, die auf ihre Taubheit stolz sind, betrachteten Sharon
Duchesneau und Candy McCullough Taubheit als kulturelle Identität, nicht als
Behinderung, die es zu beheben galt. „Taub zu sein ist nichts weiter als eine
Lebensform“, erklärte Duchesneau. „Wir fühlen uns als taube Menschen
vollständig, und wir wollen die wunderbaren Seiten unserer tauben Gemeinschaft –
ein Gefühl der Geborgenheit und der Verbundenheit – mit Kindern teilen. Wir
sind ganz und gar davon überzeugt, daß wir als taube Menschen ein erfülltes
Leben leben.“
In der Hoffnung,
ein taubes Kind zu zeugen, wählten sie einen Samenspender, in dessen Familie
seit fünf Generationen Taubheit auftritt. Und sie waren erfolgreich. Ihr Sohn
Garvin wurde taub geboren.’ (Zitat: Seite 23)
(Eines vielleicht
noch: Die Erste Auflage strotzt geradezu vor Druckfehlern.)
Michael J. Sandel:
Plädoyer gegen die Perfektion
Aus dem
Amerikanischen von Rudolf Teuwsen
Mit einem Vorwort
von Jürgen Habermas
© der deutschen Ausgabe: Berlin University
Press 2008
Ausstattung und
Umschlag: Groothius, Lohfert, Consorten | glcons.de
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