Sonntag, 18. November 2012
Samstag, 17. November 2012
Javier Marias: Morgen in der Schlacht denk an mich
Schon mal darüber
nachgedacht, wie es wohl wäre, wenn der Mensch mit dem man gerade zum ersten
mal Sex haben will, sich kurz auf die
Seite dreht und dann so ganz einfach stirbt? Man hat sich vielleicht nur zwei
oder dreimal vorher getroffen, es gab gerade noch ein kleines Abendessen, man
wartete darauf, daß das Kleinkind müde wurde und hat es ins Bett gebracht?
Hemd, Bluse, BH ausgezogen.... und dann legt sich das Gegenüber kurz hin mit
einem Lächeln, um nie wieder aufzustehen? Wie wäre das? In dem Roman ‚Morgen in
der Schlacht denk an mich’ hat Javier Marias darüber geschrieben. Ein vierzig
bis fünfzig jähriger Schriftsteller lernt eine verheiratete Frau mit einem
Kleinkind kennen und als der Ehemann in London weilt, trifft man sich in deren
Wohnung, ist mit der Frau und dem Kind zusammen, sieht fern, das Kind schläft
ein und dann geht man ins Schlafzimmer.
Nun reagiert
dieser Mann und der Held des Romans, dem so etwas widerfahren ist, nicht wie man es vielleicht erwarten oder
annehmen würde: Krankenwagen oder Polizei anrufen oder so etwas. Und das Lesen
dieses Romans wird zu einer langen Reise durch seine Gedanken, den folgenden
Handlungen in den Wochen danach und den sich daraus ergebenden Begegnungen. Die Begegnung dann mit dem König von Spanien
ist eine davon, für den Marias herrliche Namen erfindet, denn ich kann mir
nicht vorstellen, daß die Spanier ihren König Only the Lonely, den Einzigen,
den Einsiedler, Alleinigen, Solus, Only You, Solitär nennen, nicht alles auf
einmal, den dieser Held in einer Privataudienz mit dem Vater der Frau trifft, die ein paar Tage zuvor neben ihm gestorben
war, der aber nicht weiß, das dieser in der Nacht des Todes bei seiner Tochter
war. Die Putzfrau des Königs von Spanien hat dabei einen Auftritt von der Länge,
die man als ältere Frau benötigt, um von einem Ende des Audienzzimmers zum
anderen braucht, wenn man den Putzwagen hinter sich her zieht, in Gedanken ist,
und den König und seine Gäste gar nicht bemerkt. Okay, sie wird schneller, als
sie diese dann bemerkt und der Solitär bedenkt sie mit einem kurzen
freundlichen Nicken. Natürlich kommt es auch zu einer Begegnung mit dem Ehemann
der Verstorbenen; Moment, es waren mehrere Begegnungen und natürlich ist die
letzte dann der Showdown, überraschend, sehr überraschend.
Ausgesprochen
kultiviert hat Marias in diesem Roman den langen Satz! Ich habe noch nie so
lange Sätze gelesen, mal von dem Satz im Ulysses abgesehen, bei dem auf
Satzzeichen und Leerstellen gänzlich verzichtet wurde, was man aber nicht
vergleichen kann. Marias lange Sätze sind aber folgerichtig. Wer denkt schon,
wenn er denkt, mit Komma und Punkt. Ihnen zu folgen ist darum nicht das
geringste Problem. Etwas, das zuweilen
vielleicht, aber auch nur vielleicht, etwas strapaziert, ist das regelmäßig
Wiederkehrende. Aber auch das ist notwendig, denn, wer denkt nicht mehrmals
über die eine oder andere Sache nach.
‚Das Zutagetreten
von Angst bringt den, der angst macht oder dazu imstande ist, auf bestimmte
Gedanken, Vorbeugung gegen das, was noch nicht geschehen ist, ruft das Ergebnis
auf den Plan, Verdacht entscheidet über das, was noch nicht feststand, und
setzt es in Gang, bange Vorahnung und Erwartung zwingen dazu, die Hohlräume
auszufüllen, die sie entstehen lassen und vertiefen, etwas muß geschehen, wenn
wir wollen, daß sich Angst verflüchtigt, und das beste ist es, dafür zu sorgen,
daß sie sich erfüllt.’ (Zitat: Seite 20)
Morgen in der
Schlacht denk an mich ist ein außergewöhnlicher Roman, sicher nicht für
Jedermann, ein klein wenig gewöhnungsbedürftig, dafür aber überraschend,
unterhaltsam, witzig, tiefgründig und sicher dürfte man lange daran denken,
mitten in den Schlachten, die jeder schlägt, so am Morgen.
Javier Marias:
Morgen in der Schlacht denk an mich
Aus dem Spanischen
übersetzt von Carina von Enzenberg und Hartmut Zahn
© 1994 Javier
Marias
Für die deutsche
Ausgabe
© J.G. Cotta’sche
Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart 1998
Schutzumschlag:
Dietrich Ebert
Mittwoch, 14. November 2012
Michael J. Sandel: Plädoyer gegen die Perfektion
Das Feuilleton der
ZEIT machte vor kurzem groß mit Michael J. Sandel auf: Was ist ein gutes Leben?
Sandel „lehrt Philosophie an der Universität Harvard, er ist berühmt für seine
Vorlesung über Gerechtigkeit und seit ein paar Jahren der mediale Superstar unter
den Philosophen der Welt“, heißt es in diesem Artikel. Klar, daß ich nun neugierig geworden bin,
denn bisher ging Sandel an mir vorbei.
Nun habe ich nicht sein neuestes Buch erwischst, sondern das Einzige,
welches unsere Universitätsbibliothek Freihand hatte: Plädoyer gegen die
Perfektion, aus dem Jahre 2008. Irgendwie nicht viel Auswahl in der
Unibibliothek für einen Superstar unter den Philosophen. Um eine Ahnung davon
zu bekommen, was ein Superstar unter den Philosophen so denkt und schreibt aber
sollte es genügen.
Das Plädoyer gegen
die Perfektion, Eine Ethik im Zeitalter der genetischen Technik, beleuchtet in
fünf Kapiteln Problematiken, die sich aus der Stammzellforschung, der Eugenik,
dem Schaffen von bionischen Athleten und dem entwerfen von Kindern der entwerfenden
Eltern ergeben. Dabei stellt Sandel das
Für und Wider zunächst wertfrei gegenüber und weißt auf mögliche Wirkungen und Folgen hin. Und das macht er
für mich schlüssig, visionär und leicht verständlich. Das Plädoyer gegen die
Perfektion ist somit kein
wissenschaftliches Fachbuch. Aber ein überaus wichtiges für unser Leben.
‚Vor einigen
Jahren entschied ein Paar, daß es ein Kind haben wolle, vorzugsweise ein
taubes. Beide Partner waren taub – und stolz darauf. Wie andere in der
Gemeinschaft derer, die auf ihre Taubheit stolz sind, betrachteten Sharon
Duchesneau und Candy McCullough Taubheit als kulturelle Identität, nicht als
Behinderung, die es zu beheben galt. „Taub zu sein ist nichts weiter als eine
Lebensform“, erklärte Duchesneau. „Wir fühlen uns als taube Menschen
vollständig, und wir wollen die wunderbaren Seiten unserer tauben Gemeinschaft –
ein Gefühl der Geborgenheit und der Verbundenheit – mit Kindern teilen. Wir
sind ganz und gar davon überzeugt, daß wir als taube Menschen ein erfülltes
Leben leben.“
In der Hoffnung,
ein taubes Kind zu zeugen, wählten sie einen Samenspender, in dessen Familie
seit fünf Generationen Taubheit auftritt. Und sie waren erfolgreich. Ihr Sohn
Garvin wurde taub geboren.’ (Zitat: Seite 23)
(Eines vielleicht
noch: Die Erste Auflage strotzt geradezu vor Druckfehlern.)
Michael J. Sandel:
Plädoyer gegen die Perfektion
Aus dem
Amerikanischen von Rudolf Teuwsen
Mit einem Vorwort
von Jürgen Habermas
© der deutschen Ausgabe: Berlin University
Press 2008
Ausstattung und
Umschlag: Groothius, Lohfert, Consorten | glcons.de
Samstag, 3. November 2012
Sonntag, 28. Oktober 2012
James Matthew Barrie: Peter Pan
Gelegentlich ein
Kinderbuch zu lesen, ist für mich eine ausgesprochen vergnügliche und auch
anregende Angelegenheit. Es entspannt mich, amüsiert und regt mich auch an. Da
sind dann so viele Bilder in meinem Kopf, die sich dort so vierzig, fünfzig
Jahre lang angesammelt haben. Und
interessant für mich sind dann auch die soziologischen Geschichtspunkte, von
den literarischen mal ganz abgesehen.
‚ ALLE KINDER,
außer einem, werden erwachsen. Sie wissen schon bald, daß sie erwachsen werden,
und Wendy erfuhr es auf folgende Weise: Eines Tages, sie war zwei Jahre alt,
spielte sie im Garten. Sie pflückte Blumen und rannte damit zu ihrer Mutter.
Ich glaube, sie hat wohl ganz reizend ausgesehen, denn Mrs Darling legte die
Hand aufs Herz und rief aus: „Ach, warum kannst du nur nicht immer so bleiben!“
Das war alles, was diesbezüglich zwischen ihnen gesagt wurde, aber von nun an
wußte Wendy, daß sie erwachsen werden würde. Du weißt es einfach, wenn du zwei
Jahre alt bist. Zwei ist der Anfang vom Ende.’ (Zitat, Seite 10)
James Matthew
Barrie: Peter Pan
Aus dem Englischen
von Angelika Eisold-Viebig
Die englische
Originalausgabe erschien erstmals 1911 unter dem Titel Peter and Wendy
© dieser Ausgabe
Arena Verlag GmbH, Würzburg 1994
Einbandillustration
© Chris Riddell
Donnerstag, 25. Oktober 2012
Sascha Lobo: Strohfeuer
Sascha Lobo ist
Blogger, Twitterer und bezeichnet sich als Strategiebrater. Ein paar andere
selbsterfundene Berufe, verkündet er salopp, könne er auch noch nennen. Er steht wohl für das, wovon viele
Blogger träumen. 2010 erschien sein Debütroman, den ich vor ein paar Monaten als
Mängelexemplar in der Mayerschen Buchhandlung in Dortmund für einen Euro aus
der weißen Tonne fischte und mir an einem Nachmittag genüßlich reinzog. Es sind
nur 285 großzügig gesetzte Seiten. Mein
„genüßliches Reinziehen“ geschah aber nicht ohne gewisse Vorbehalte und immer
wieder tauchte die Frage auf, wie blöd man eigentlich sein muß, kann oder darf.
Das mit dem Blöd ist aber so eine Sache für sich und heißt nicht, daß ich
diesen Roman blöd finde.
Auf dem Umschlag
heißt es: „Tausche Seele gegen Erfolg. Sascha Lobos packender Debütroman über
die Lebensgier in den Zeiten der New Economy“. Zum einen gibt es diese Lebensgier nicht erst seit den Zeiten der
New Economy, sondern gerade im Kapitalismus in den unterschiedlichsten
Variationen und zum anderen drückt sich diese in jeder Branche aus. Was in diesem Roman so unterhaltsam und
gleichzeitig berechnend für die New Economy typisch herausgestellt wird ist ein
alter Hut und gilt auch für Friseure, Verlage, Kneipen, Banken und viele andere
Branchen. Jetzt habe ich die Floristen
vergessen; die hatten auch mal Konjunktur und waren in und chic. Fitneßclubs habe
ich vergessen zu erwähnen.
Stefan, der Icherzähler,
ist fünfundzwanzig. Er kommt als cooler, lässiger Typ rüber, nach dem Motto,
was kostet die Welt und was macht ihm am meisten Spaß, was gefällt ihm, was
gibt es zu trinken und welche Frau kann er vögeln. Er mag die Mercedes S-Klasse. Seine Freunde sind so cool und lässig wie er. Thorsten, zu meiner Zeit nannte man so was wie
Thorsten einen Schaumschläger, vermittelt Stefan in die Werbeagentur in der er
selber arbeitet, eine Zeitlang blenden und beeindrucken sie zusammen dort,
Thorsten mehr als Stefan und irgendwann fliegt Thorsten raus, was soll’s, war sowieso
scheiße, und dann kommt es zur schnellen Gründung einer eigenen Agentur und so
ein, zwei Jahr lang hat man Konjunktur. Okay, es wird nicht die S-Klasse, weil Thorsten
steht auf A 8! Ist ja auch egal. Stefan wurde nur einmal von der S-Klasse mit dreihundert
Stundenkilometern überholt, als er selber zweihundertfünfundachtzig fuhr.
Es gibt noch ein
paar andere Figuren in diesem Roman, aber das sind eher eingeschobene Spots, Anekdötchen
von und über die Stefan erzählt und berichtet. So ist die ganze Erzählstruktur
keine Struktur, sondern eine Aneinanderreihung von klischeehaften
Begegebnheiten die ganz bestimmte Reaktionen und Assoziationen beim Rezeptenten
hervorrufen und wohl auch hervorrufen sollen.
Und das Ganze so ziemlich ohne Reflexionsebene. Aber wer braucht das
schon bei soviel Coolness und Lebensgier? Es ist Unterhaltung! Wenn man so was mag....?!
Dennoch scheint
mir noch etwas mir gelungen zu sein, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es
beabsichtigt war. Die Darstellung von Oberflächlichkeit, Dummheit und Selbstgefälligkeit
nicht nur einer Wirklichkeit.
Ein Satz machte
mich stutzig. Woher kennt Sascha Lobo den Satz: „Where’s the beef?“
Sascha Lobo:
Strohfeuer
© 2010 by Rowohlt –
Berlin Verlag GmbH, Berlin
Umschlaggestaltung:
any.way Walter Hellmann
Umschlagfoto: ©
Reto Klar
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