Samstag, 17. November 2012

Javier Marias: Morgen in der Schlacht denk an mich


Schon mal darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, wenn der Mensch mit dem man gerade zum ersten mal  Sex haben will, sich kurz auf die Seite dreht und dann so ganz einfach stirbt? Man hat sich vielleicht nur zwei oder dreimal vorher getroffen, es gab gerade noch ein kleines Abendessen, man wartete darauf, daß das Kleinkind müde wurde und hat es ins Bett gebracht? Hemd, Bluse, BH ausgezogen.... und dann legt sich das Gegenüber kurz hin mit einem Lächeln, um nie wieder aufzustehen? Wie wäre das? In dem Roman ‚Morgen in der Schlacht denk an mich’ hat Javier Marias darüber geschrieben. Ein vierzig bis fünfzig jähriger Schriftsteller lernt eine verheiratete Frau mit einem Kleinkind kennen und als der Ehemann in London weilt, trifft man sich in deren Wohnung, ist mit der Frau und dem Kind zusammen, sieht fern, das Kind schläft ein und dann geht man ins Schlafzimmer.

Nun reagiert dieser Mann und der Held des Romans, dem so etwas widerfahren ist,  nicht wie man es vielleicht erwarten oder annehmen würde: Krankenwagen oder Polizei anrufen oder so etwas. Und das Lesen dieses Romans wird zu einer langen Reise durch seine Gedanken, den folgenden Handlungen in den Wochen danach und den sich daraus ergebenden Begegnungen.  Die Begegnung dann mit dem König von Spanien ist eine davon, für den Marias herrliche Namen erfindet, denn ich kann mir nicht vorstellen, daß die Spanier ihren König Only the Lonely, den Einzigen, den Einsiedler, Alleinigen, Solus, Only You, Solitär nennen, nicht alles auf einmal, den dieser Held in einer Privataudienz mit dem Vater der Frau trifft,  die ein paar Tage zuvor neben ihm gestorben war, der aber nicht weiß, das dieser in der Nacht des Todes bei seiner Tochter war. Die Putzfrau des Königs von Spanien hat dabei einen Auftritt von der Länge, die man als ältere Frau benötigt, um von einem Ende des Audienzzimmers zum anderen braucht, wenn man den Putzwagen hinter sich her zieht, in Gedanken ist, und den König und seine Gäste gar nicht bemerkt. Okay, sie wird schneller, als sie diese dann bemerkt und der Solitär bedenkt sie mit einem kurzen freundlichen Nicken. Natürlich kommt es auch zu einer Begegnung mit dem Ehemann der Verstorbenen; Moment, es waren mehrere Begegnungen und natürlich ist die letzte dann der Showdown, überraschend, sehr überraschend.

Ausgesprochen kultiviert hat Marias in diesem Roman den langen Satz! Ich habe noch nie so lange Sätze gelesen, mal von dem Satz im Ulysses abgesehen, bei dem auf Satzzeichen und Leerstellen gänzlich verzichtet wurde, was man aber nicht vergleichen kann. Marias lange Sätze sind aber folgerichtig. Wer denkt schon, wenn er denkt, mit Komma und Punkt. Ihnen zu folgen ist darum nicht das geringste Problem.  Etwas, das zuweilen vielleicht, aber auch nur vielleicht, etwas strapaziert, ist das regelmäßig Wiederkehrende. Aber auch das ist notwendig, denn, wer denkt nicht mehrmals über die eine oder andere Sache nach.

‚Das Zutagetreten von Angst bringt den, der angst macht oder dazu imstande ist, auf bestimmte Gedanken, Vorbeugung gegen das, was noch nicht geschehen ist, ruft das Ergebnis auf den Plan, Verdacht entscheidet über das, was noch nicht feststand, und setzt es in Gang, bange Vorahnung und Erwartung zwingen dazu, die Hohlräume auszufüllen, die sie entstehen lassen und vertiefen, etwas muß geschehen, wenn wir wollen, daß sich Angst verflüchtigt, und das beste ist es, dafür zu sorgen, daß sie sich erfüllt.’ (Zitat: Seite 20)

Morgen in der Schlacht denk an mich ist ein außergewöhnlicher Roman, sicher nicht für Jedermann, ein klein wenig gewöhnungsbedürftig, dafür aber überraschend, unterhaltsam, witzig, tiefgründig und sicher dürfte man lange daran denken, mitten in den Schlachten, die jeder schlägt, so am Morgen.


Javier Marias: Morgen in der Schlacht denk an mich

Aus dem Spanischen übersetzt von Carina von Enzenberg und Hartmut Zahn
© 1994 Javier Marias
Für die deutsche Ausgabe
© J.G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart 1998
Schutzumschlag: Dietrich Ebert



Mittwoch, 14. November 2012

Michael J. Sandel: Plädoyer gegen die Perfektion


Das Feuilleton der ZEIT machte vor kurzem groß mit Michael J. Sandel auf: Was ist ein gutes Leben? Sandel „lehrt Philosophie an der Universität Harvard, er ist berühmt für seine Vorlesung über Gerechtigkeit und seit ein paar Jahren der mediale Superstar unter den Philosophen der Welt“, heißt es in diesem Artikel.  Klar, daß ich nun neugierig geworden bin, denn bisher ging Sandel an mir vorbei.  Nun habe ich nicht sein neuestes Buch erwischst, sondern das Einzige, welches unsere Universitätsbibliothek Freihand hatte: Plädoyer gegen die Perfektion, aus dem Jahre 2008. Irgendwie nicht viel Auswahl in der Unibibliothek für einen Superstar unter den Philosophen. Um eine Ahnung davon zu bekommen, was ein Superstar unter den Philosophen so denkt und schreibt aber sollte es genügen.

Das Plädoyer gegen die Perfektion, Eine Ethik im Zeitalter der genetischen Technik, beleuchtet in fünf Kapiteln Problematiken, die sich aus der Stammzellforschung, der Eugenik, dem Schaffen von bionischen Athleten und dem entwerfen von Kindern der entwerfenden Eltern ergeben.  Dabei stellt Sandel das Für und Wider zunächst wertfrei gegenüber  und weißt auf mögliche Wirkungen und Folgen hin. Und das macht er für mich schlüssig, visionär und leicht verständlich. Das Plädoyer gegen die Perfektion ist  somit kein wissenschaftliches Fachbuch. Aber ein überaus wichtiges für unser Leben.

‚Vor einigen Jahren entschied ein Paar, daß es ein Kind haben wolle, vorzugsweise ein taubes. Beide Partner waren taub – und stolz darauf. Wie andere in der Gemeinschaft derer, die auf ihre Taubheit stolz sind, betrachteten Sharon Duchesneau und Candy McCullough Taubheit als kulturelle Identität, nicht als Behinderung, die es zu beheben galt. „Taub zu sein ist nichts weiter als eine Lebensform“, erklärte Duchesneau. „Wir fühlen uns als taube Menschen vollständig, und wir wollen die wunderbaren Seiten unserer tauben Gemeinschaft – ein Gefühl der Geborgenheit und der Verbundenheit – mit Kindern teilen. Wir sind ganz und gar davon überzeugt, daß wir als taube Menschen ein erfülltes Leben leben.“
In der Hoffnung, ein taubes Kind zu zeugen, wählten sie einen Samenspender, in dessen Familie seit fünf Generationen Taubheit auftritt. Und sie waren erfolgreich. Ihr Sohn Garvin wurde taub geboren.’ (Zitat: Seite 23)

(Eines vielleicht noch: Die Erste Auflage strotzt geradezu vor Druckfehlern.)


Michael J. Sandel: Plädoyer gegen die Perfektion

Aus dem Amerikanischen von Rudolf Teuwsen
Mit einem Vorwort von Jürgen Habermas
©  der deutschen Ausgabe: Berlin University Press 2008
Ausstattung und Umschlag: Groothius, Lohfert, Consorten | glcons.de



Sonntag, 28. Oktober 2012

James Matthew Barrie: Peter Pan


Gelegentlich ein Kinderbuch zu lesen, ist für mich eine ausgesprochen vergnügliche und auch anregende Angelegenheit. Es entspannt mich, amüsiert und regt mich auch an. Da sind dann so viele Bilder in meinem Kopf, die sich dort so vierzig, fünfzig Jahre lang angesammelt haben.  Und interessant für mich sind dann auch die soziologischen Geschichtspunkte, von den literarischen mal ganz abgesehen.

‚ ALLE KINDER, außer einem, werden erwachsen. Sie wissen schon bald, daß sie erwachsen werden, und Wendy erfuhr es auf folgende Weise: Eines Tages, sie war zwei Jahre alt, spielte sie im Garten. Sie pflückte Blumen und rannte damit zu ihrer Mutter. Ich glaube, sie hat wohl ganz reizend ausgesehen, denn Mrs Darling legte die Hand aufs Herz und rief aus: „Ach, warum kannst du nur nicht immer so bleiben!“ Das war alles, was diesbezüglich zwischen ihnen gesagt wurde, aber von nun an wußte Wendy, daß sie erwachsen werden würde. Du weißt es einfach, wenn du zwei Jahre alt bist. Zwei ist der Anfang vom Ende.’ (Zitat, Seite 10)


James Matthew Barrie: Peter Pan

Aus dem Englischen von Angelika Eisold-Viebig
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1911 unter dem Titel Peter and Wendy
© dieser Ausgabe Arena Verlag GmbH, Würzburg 1994
Einbandillustration © Chris Riddell

Dortmund liest...


Rewe, Rheinische Straße, im Dortmunder WESTEND


Donnerstag, 25. Oktober 2012

Sascha Lobo: Strohfeuer


Sascha Lobo ist Blogger, Twitterer und bezeichnet sich als Strategiebrater. Ein paar andere selbsterfundene Berufe, verkündet er salopp,  könne er auch noch nennen. Er steht wohl für das, wovon viele Blogger träumen. 2010 erschien sein Debütroman, den ich vor ein paar Monaten als Mängelexemplar in der Mayerschen Buchhandlung in Dortmund für einen Euro aus der weißen Tonne fischte und mir an einem Nachmittag genüßlich reinzog. Es sind nur 285 großzügig gesetzte Seiten.  Mein „genüßliches Reinziehen“ geschah aber nicht ohne gewisse Vorbehalte und immer wieder tauchte die Frage auf, wie blöd man eigentlich sein muß, kann oder darf. Das mit dem Blöd ist aber so eine Sache für sich und heißt nicht, daß ich diesen Roman blöd finde.

Auf dem Umschlag heißt es: „Tausche Seele gegen Erfolg. Sascha Lobos packender Debütroman über die Lebensgier in den Zeiten der New Economy“.  Zum einen gibt es diese Lebensgier nicht erst seit den Zeiten der New Economy, sondern gerade im Kapitalismus in den unterschiedlichsten Variationen und zum anderen drückt sich diese in jeder Branche aus.  Was in diesem Roman so unterhaltsam und gleichzeitig berechnend für die New Economy typisch herausgestellt wird ist ein alter Hut und gilt auch für Friseure, Verlage, Kneipen, Banken und viele andere Branchen.  Jetzt habe ich die Floristen vergessen; die hatten auch mal Konjunktur und waren in und chic. Fitneßclubs habe ich vergessen zu erwähnen.

Stefan, der Icherzähler, ist fünfundzwanzig. Er kommt als cooler, lässiger Typ rüber, nach dem Motto, was kostet die Welt und was macht ihm am meisten Spaß, was gefällt ihm, was gibt es zu trinken und welche Frau kann er vögeln.  Er mag die Mercedes S-Klasse.  Seine Freunde sind so cool und lässig wie er.  Thorsten, zu meiner Zeit nannte man so was wie Thorsten einen Schaumschläger, vermittelt Stefan in die Werbeagentur in der er selber arbeitet, eine Zeitlang blenden und beeindrucken sie zusammen dort, Thorsten mehr als Stefan und irgendwann fliegt Thorsten raus, was soll’s, war sowieso scheiße, und dann kommt es zur schnellen Gründung einer eigenen Agentur und so ein, zwei Jahr lang hat man Konjunktur. Okay, es wird nicht die S-Klasse, weil Thorsten steht auf A 8! Ist ja auch egal. Stefan wurde nur einmal von der S-Klasse mit dreihundert Stundenkilometern überholt, als er selber zweihundertfünfundachtzig fuhr.

Es gibt noch ein paar andere Figuren in diesem Roman, aber das sind eher eingeschobene Spots, Anekdötchen von und über die Stefan erzählt und berichtet. So ist die ganze Erzählstruktur keine Struktur, sondern eine Aneinanderreihung von klischeehaften Begegebnheiten die ganz bestimmte Reaktionen und Assoziationen beim Rezeptenten hervorrufen und wohl auch hervorrufen sollen.  Und das Ganze so ziemlich ohne Reflexionsebene. Aber wer braucht das schon bei soviel Coolness und Lebensgier? Es ist Unterhaltung! Wenn man so was mag....?!

Dennoch scheint mir noch etwas mir gelungen zu sein, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es beabsichtigt war. Die Darstellung von Oberflächlichkeit, Dummheit und Selbstgefälligkeit nicht nur einer Wirklichkeit.

Ein Satz machte mich stutzig. Woher kennt Sascha Lobo den Satz: „Where’s the beef?“



Sascha Lobo: Strohfeuer

© 2010 by Rowohlt – Berlin Verlag GmbH, Berlin
Umschlaggestaltung: any.way Walter Hellmann
Umschlagfoto: © Reto Klar