Mittwoch, 26. September 2012

Magnus Mills: Zum König!


Das Paradies mag auf einer windumtosten Hochebene, irgendwo auf der Welt, gelegen sein, mit einer Blechhütte darauf und die nächste Blechhütte erst wieder ein paar Meilen entfernt und Besucher sieht man schon eine oder zwei Stunden in der Ferne erscheinen, bevor sie einen erreichen.  Und glücklich und zufrieden erfüllt unser Held in diesem Roman seine Pflichten und Aufgaben, beseitigt den Sand vorm Haus und bringt es zu Meisterschaft beim Fegen im Haus.  Merkwürdig karg gibt sich die Kulisse, spröde erscheint der Held und surreal lesen sich die ersten Sätze und doch liest es sich „bezaubernd“ wie ein Märchen für Erwachsene. 

Wenn ich  schon die urältesten Mythen strapaziere, so natürlich auch den von Eva. In diesem Roman heißt sie Mary Petrie.  Mit ihrem Auftritt kommt Leben in die Bude, oder sollte ich besser schreiben, in die Blechhütte? Und im ersten Teil dieser herrlichen Fabel vermutet man, es geht genau darum, um die Vertreibung aus dem Paradies, um Mann und Frau. Aber das ist ein Irrtum.

‚Auf meinem Weg nach Westen dachte ich an Mary Petrie und erinnerte mich, wie hilflos sie bei ihrer Ankunft gewirkt hatte. Sie hatte eine Welt mitgebracht, die sich um einen Koffer, einen Spiegel und ein Schminkköfferchen drehte, und verstand nichts vom Leben in einem Blechhaus. Das Geräusch dieses Hammers, das hinter mir immer leiser wurde, bezeugte, daß sie sich seither mit dem Thema voll und ganz vertraut gemacht hatte. Der Winde wehte kräftig an diesem Tag und blies kleine Sandschauer über die Ebene. Er war jedoch nicht stark genug, um die vielen Trampelpfade zu verwehen, die ich vorfand. Während meiner gesamten Wanderung stieß ich immer wieder auf sie. Alle führten entschlossen nach Westen. Ich kam an den Plätzen vorbei, wo Simon, Steve und Philip einst gelebt hatten, und setzte dann meinen Weg in Hinterland fort, ohne genau zu wissen, was mich erwartete.’ (Zitat Seite 111)

Simon, Steve und Philip waren Nachbarn und lebten ebenfalls in Blechhütten auf der Hochebene, die angelockt von Eva, äh, ich meine Mary, zu besuch kamen. Da hier alles etwas langsamer vor sich geht, waren sie eines Tages verschwunden; samt Blechhäusern. Und immer häufiger, in der Ferne zu beobachtend, erschienen Gestalten und schufen Trampelpfade.... gen Westen!

Magnus Mills ist 1954 geboren und lebte in London, als dieser Roman 2004 auf Deutsch erschien.



Magnus Mills: Zum König!

Aus dem Englischen von Katharina Böhmer
© 2001 Magnus Mills
© 2004 der deutschen Ausgabe Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main
Umschlag: Hermann Michels und Regina Göllner

Dortmund liest.... und WESTWORD schreibt


WESTWORD... das sind die fantastischen Vier. Damen, die sich dem Schreiben verschrieben haben und in meinem Viertel eine "Arbeitsgemeinschaft" gegründet haben und SCHREIBEN: Romane, Kurzgeschichten, Lyrik....







Da gibt es dem historischen Roman der 1701 beginnt und in Dortmund handelt;
















den aktuellen Roman über einen alten Typen aus dem Westend-Viertel;










 







die Kurzgeschichten zum Teil über einen jungen Schnösel und seine Ansichten und Handlungen













und Gedichte bestehend aus unter die Haut gehenden Worten hingehaucht....


die Dame links, leider habe ich vor lauter Ergriffenheit beim Zuhören vergessen, ein besseres Bild zu machen

Montag, 24. September 2012

Michael Frayn: Gegen Ende des Morgens


Den 1933 geborenen Michael Frayn, britischer Autor,  habe ich erst vor ein paar Wochen entdeckt und sein dieses Jahr erschienenen Roman  „Willkommen auf Skios“ gelesen. Das ich ihn weiterlesen wollte war danach klar. Gegen Ende des Morgen hat er 1967 geschrieben und liegt er seit  2007 als Deutsche Erstausgabe vor.  Frayn nennt ihn seinen Fleet Street Roman.

John Dyson ist Leiter der Abteilung für das Kreuzworträtsel und Vermischte Meldungen einer großen englischen Tageszeitung, Ende der 1960er Jahre. Also kein Handy, keine PC, kein www.  Dyson träumt von Fernsehruhm und dem Leben eines Gentleman und dann bekommt er tatsächlich seine große Chance.

„Ich bin weiß Gott ein Versager, eine unmaßgebliche menschliche Nichtigkeit, auf der jeder dahergelaufene Passant gleichgültig herumtrampelt, dachte Dyson, als er seiner Frau mit geballten Fäusten in den Hosentaschen und einem unnachgiebigen Stirnrunzeln von der Küche ins Wohnzimmer folgte, aber es gibt etwas auf dieser Welt, das ich mir nicht bieten lasse, und das ist das Gekrittel meiner Frau. Davon lasse ich mich nicht kleinkriegen. Ich würde mich weiß Gott nicht beschweren, dachte er, wenn sie mich in halbwegs vernünftiger Manier bekrittelte. Ich bin es ja gewohnt, wie Dreck behandelt zu werden – stolz bin ich nicht. Es ist dieses stillschweigende Kritteln, das ich nicht ertrage, dieses schreckliche pseudosachliche Gekrittel, während sie so tut, als würde sie gar nicht kritteln. Es ist dieses alberne Ratespiel, bei dem ich herausfinden muß, wofür ich bekrittelt werde. Also wirklich, damit werde ich mir bestimmt nicht den Samstagvormittag um die Ohren schlagen. Ich werde einfach wortlos das Haus verlassen und ein paar Tage in meinem Club verbringen. Ja, wenn ich einen hätte, würde ich das tun.“ (Zitat Seite 163)

Fast bekommt man Mitleid, mit diesem Dyson wenn man so seine Mitarbeiter in der Redaktion kennenlernt, ihre Arbeitsweisen und Eigenheiten, die Frayn in einer unvergleichlich coolen trockenen, klugen und amüsanten Art und Weise darstellt, die typisch für Frayns Schreibe ist und die ihm verdientermaßen den Ruf einbrachte, „einer der klügsten britischen Schriftsteller“ zu sein. Und das Schöne daran ist, man hat nie das Gefühl, belehrt zu werden.  Figuren, Dialoge, Handlungen... einfach brillant, rasant, meisterhaft und in diesem Roman mit einem überraschenden Ende!



Michael Frayn: Gegen Ende des Morgens

Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow
© 1967 by Michael Frayn, mit einem Nachwort © 2000 by Michael Frayn
© 2007 by Dörlemann Verlag AG, Zürich
Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf
Foto © Mary Evans Picture Library




Dortmund liest....


In der Stadtbahn, zwischen Eving und Kampstraße


Sonntag, 23. September 2012

Michael Cobley: Die Ahnen der Sterne


Abgedreht! Abgefahren! Faszinierend! Hammermäßig! Man stelle sich das Universum wie einen Ameisenhaufen voller Ameisen vor. Und jede Ameise ist eine Zivilisation.... Bei Michael Cobley gibt es aber dazu noch einen Ameisenhaufen von Universen und Hyperräumen! Die Ahnen der Sterne ist der dritte Band dieser Space Opera, die wirklich eine ist!

An dieser Stelle aber zunächst ein wichtiger Tipp: Fangt mit dem ersten Band, Die Saat der Erde an, dann den zweiten Band, Waisen des Alls  und gebt euch mit diesem dritten Band des Rest dies unglaublich abgefahrenen Spektakels.

Der gesamte zivilisierte Bereich umfaßt 227.175 Sternensysteme mit 917.900 bewohnten Welten und Habitaten, einer Gesamtbevölkerung von rund 2.100 Billionen, sowie einer Legion von rund 1,1 Millionen Avataren und irgendwo eine Gottheit, zu dem ein Botschafter Kontakt hält.  Von diesem Augenblick an müßte es eigentlich ziemlich unübersichtlich werden. Von wegen: Einfach das Gehirn ausschalten und lesen, lesen, lesen und Du bist mittendrin in diesem unglaublich aufregenden Gewühl und damit Du alles verstehen und verfolgen kannst, hat sich Michael Cobley eines Tricks bedient, der durch alle drei Bände geht und überall gleich ist: Es gibt gerade mal 14 Hauptpersonen, einschließlich der Gottheit, die in kurzen überschaubaren Kapiteln und Handlungssträngen vor diesem  kolossalen Hintergrund agieren. 

Zum Ende eine jeden Bandes führt er diese Handlungsstränge immer enger zusammen. Die Spannung die Cobley dadurch aufbaut ist beeindruckend und hier tun sich wirklich ungeahnte Welten auf und Du bist mitten drin in diesem Ameisenhaufen.  Ob das Ganze technisch möglich ist, spielt hierbei keine Rolle, denn Cobley hat quasi nur  „weitergesponnen“  was die Wissenschaft heute so alles spekuliert und das hat er ausgesprochen gut gemacht.

Da gibt es übrigens noch ein großes Geheimnis, welches nahezu alles irgendwie und irgendwo antreibt. Lesespaß pur war das für mich!


Michael Cobley: Die Ahnen der Sterne

© 2011 Michael Cobley
©  2012 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlagsillustration: Steve Stone
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Samstag, 22. September 2012

Henry Fielding


 
Es war der erste Tag des Decembers 1741, wie ich dieses Leben und meine Wohnung in Cheapside verließ. Mein Körper war bereits einige Zeit todt, ehe ich die Freyheit hatte ihn zu verlassen, in der Erwartung, derselbe möchte durch einen oder den anderen Zufall wieder ein Leben erhalten. Diese Verbindlichkeit ist allen Seelen durch die ewigen Gesetze des Schicksals auferlegt worden, um aller Unordnung vorzubeugen, die sonst entstehen könnte. Sobald die bestimmte Zeit meiner Verweilung verflossen war, (die jedoch nicht länger dauerte, als bis der Körper völlig kalt und steif geworden war) fing ich an mich in Bewegung zu setzen; traf aber viele Hinderniße an, die meinen Abzug aufhielten: der Mund, oder die eigentliche Thür war verschlossen, so daß ich es unmöglich fand, da durchzudringen; die Fenster, oder wie man gemeiniglich redet, die Augen, waren durch die vorsichtige Hand einer Wärterin so fest zusammen gedruckt worden, daß alle Versuche sie zu öffnen vergeblich waren; endlich entdeckte ich einen Strahl eines Lichts, welches am Dache des Hauses (denn so nenne ich den Körper, worin ich verschlossen war,) schimmerte; ich schwung mich dahin an, und ließ mich wiederum durch eine Art von Kamingange behende herab, oder deutlicher, ich entwischte durch die Naßlöcher. 

Kein Gefangener, der aus einer langen Einsperrung entlassen wird, kann die Annehmlichkeiten der Freyheit mit größerem Vergnügen empfinden, als ich, da ich jetzo aus einem Kerker befreyet wurde, worin ich mehr als vierzig Jahre war eingeschlossen gewesen, und unter diesen entzückenden Betrachtungen wendete ich noch einmal meine Augen auf denselben zurück.

(Henry Fielding: Eine Reise von dieser Welt in die nächste, Kopenhagen, 1759, sic)