Montag, 24. September 2012

Sonntag, 23. September 2012

Michael Cobley: Die Ahnen der Sterne


Abgedreht! Abgefahren! Faszinierend! Hammermäßig! Man stelle sich das Universum wie einen Ameisenhaufen voller Ameisen vor. Und jede Ameise ist eine Zivilisation.... Bei Michael Cobley gibt es aber dazu noch einen Ameisenhaufen von Universen und Hyperräumen! Die Ahnen der Sterne ist der dritte Band dieser Space Opera, die wirklich eine ist!

An dieser Stelle aber zunächst ein wichtiger Tipp: Fangt mit dem ersten Band, Die Saat der Erde an, dann den zweiten Band, Waisen des Alls  und gebt euch mit diesem dritten Band des Rest dies unglaublich abgefahrenen Spektakels.

Der gesamte zivilisierte Bereich umfaßt 227.175 Sternensysteme mit 917.900 bewohnten Welten und Habitaten, einer Gesamtbevölkerung von rund 2.100 Billionen, sowie einer Legion von rund 1,1 Millionen Avataren und irgendwo eine Gottheit, zu dem ein Botschafter Kontakt hält.  Von diesem Augenblick an müßte es eigentlich ziemlich unübersichtlich werden. Von wegen: Einfach das Gehirn ausschalten und lesen, lesen, lesen und Du bist mittendrin in diesem unglaublich aufregenden Gewühl und damit Du alles verstehen und verfolgen kannst, hat sich Michael Cobley eines Tricks bedient, der durch alle drei Bände geht und überall gleich ist: Es gibt gerade mal 14 Hauptpersonen, einschließlich der Gottheit, die in kurzen überschaubaren Kapiteln und Handlungssträngen vor diesem  kolossalen Hintergrund agieren. 

Zum Ende eine jeden Bandes führt er diese Handlungsstränge immer enger zusammen. Die Spannung die Cobley dadurch aufbaut ist beeindruckend und hier tun sich wirklich ungeahnte Welten auf und Du bist mitten drin in diesem Ameisenhaufen.  Ob das Ganze technisch möglich ist, spielt hierbei keine Rolle, denn Cobley hat quasi nur  „weitergesponnen“  was die Wissenschaft heute so alles spekuliert und das hat er ausgesprochen gut gemacht.

Da gibt es übrigens noch ein großes Geheimnis, welches nahezu alles irgendwie und irgendwo antreibt. Lesespaß pur war das für mich!


Michael Cobley: Die Ahnen der Sterne

© 2011 Michael Cobley
©  2012 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlagsillustration: Steve Stone
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Samstag, 22. September 2012

Henry Fielding


 
Es war der erste Tag des Decembers 1741, wie ich dieses Leben und meine Wohnung in Cheapside verließ. Mein Körper war bereits einige Zeit todt, ehe ich die Freyheit hatte ihn zu verlassen, in der Erwartung, derselbe möchte durch einen oder den anderen Zufall wieder ein Leben erhalten. Diese Verbindlichkeit ist allen Seelen durch die ewigen Gesetze des Schicksals auferlegt worden, um aller Unordnung vorzubeugen, die sonst entstehen könnte. Sobald die bestimmte Zeit meiner Verweilung verflossen war, (die jedoch nicht länger dauerte, als bis der Körper völlig kalt und steif geworden war) fing ich an mich in Bewegung zu setzen; traf aber viele Hinderniße an, die meinen Abzug aufhielten: der Mund, oder die eigentliche Thür war verschlossen, so daß ich es unmöglich fand, da durchzudringen; die Fenster, oder wie man gemeiniglich redet, die Augen, waren durch die vorsichtige Hand einer Wärterin so fest zusammen gedruckt worden, daß alle Versuche sie zu öffnen vergeblich waren; endlich entdeckte ich einen Strahl eines Lichts, welches am Dache des Hauses (denn so nenne ich den Körper, worin ich verschlossen war,) schimmerte; ich schwung mich dahin an, und ließ mich wiederum durch eine Art von Kamingange behende herab, oder deutlicher, ich entwischte durch die Naßlöcher. 

Kein Gefangener, der aus einer langen Einsperrung entlassen wird, kann die Annehmlichkeiten der Freyheit mit größerem Vergnügen empfinden, als ich, da ich jetzo aus einem Kerker befreyet wurde, worin ich mehr als vierzig Jahre war eingeschlossen gewesen, und unter diesen entzückenden Betrachtungen wendete ich noch einmal meine Augen auf denselben zurück.

(Henry Fielding: Eine Reise von dieser Welt in die nächste, Kopenhagen, 1759, sic)

Donnerstag, 20. September 2012

Basilius von Cäsarea: Über den Heiligen Geist

Bei den italienischen Humanisten des Quattrocento stand Basilius in hohem Ansehen und 1531 lieferte Erasmus von Rotterdam eine Übersetzung des De Spiritu Sancto, welches Basilius wohl Ende 375 verfaßte. In dieser Schrift sucht Basilius auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Heiligem Geist und Vater und Sohn Antwort zu geben. Im Wesentlichen geht es
um die Präpositionen: In, mit, aus, durch, nach.

Zugrund liegt ein Streit zwischen verschiedenen Glaubenlehren und –richtungen, die erklären, „der Sohn sei nicht „mit“ dem Vater, sondern „nach“ dem Vater. „Durch ihn“ wird auch auf den Vater angewandt, „aus ihm“ auch auf den Sohn und den Geist.

Ihr meint, man streite sich um des Kaisers Bart? Die christliche Religionslehre erfuhr in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt durch wenige Männer, einer davon war Basilius, ihr bis heute gültiges grundlegendes Verständnis und auch noch heute streiten Bischöfe, Kardinäle und Gelehrte, wie denn das so ist mit dem IN, MIT, AUS, DURCH und dem nach.

Die anfangs im Herder Verlag erschienene Reihe Fontes Christiani ist eine beeindruckende Reihe von christlichen Quellentexten aus Altertum und Mittelalter. Inzwischen scheint denen aber das Geld ausgegangen zu sein und irgendein Schweizer Verlag versucht die Reihe weiterzuführen.
 
 
Basilius von Cäsarea: DE SPIRITU SANCTO - Über den Heiligen Geist
 
(c) Verlag Herder Freiburg im Breisgau 1993 
 
 
 

Mittwoch, 19. September 2012

Eduardo Mendoza: Katzenkrieg


Enttäuschend, aber so was auch von enttäuschend! Mit Katzenkrieg legt Eduardo Mendoza einen Roman vor, der auch nicht entfernt an seine großartigen früheren Romane heranreicht.  Von seiner wunderbaren Sprache, seiner Feinfühligkeit und Sorgfalt mit der er früher Figuren komponierte ist nur noch wenig zu ahnen und manche Sätze „klingen“ einfach nicht mehr. Sein bislang hintergründiger subtiler Humor ist hier der Schatten seiner selbst.  Dabei klingt die Story recht verlockend: Englischer Kunstsachverständiger im Madrid des Frühjahrs 1936, Kommunisten, Faschisten, Putsch, Spione, der Herzog, die Familie des Herzogs mit frivolen Töchtern, ein Bild Velázquez, ein Dandy, eine Mädchenprostituierte; eigentlich genau die richtige Gemengelage für Mendoza, der früher mit so was zauberte. Diesmal gelingt es ihm leider nicht und sprachlich bleibt er in diesem Roman Mittelmaß.  Und was den Leser gelegentlich verwirrt, angesichts dieses Übermaßes, scheint wohl fast auch Mendoza gelegentlich überfordert zu haben und klingt ungewohnt hölzern an einige Stellen.

Irgendwie kann man als Leser zwar auf seine Kosten kommen, wenn man denn mit einem durchschnittlichen Politthriller und Historienroman zufrieden ist, auch wenn diese Historie gerade mal so rund achtzig Jahre her ist und wahrscheinlich liegt auch darin der Grund, im Nationalstolz der Spanier, warum dieser Roman gerade in Spanien zu einem Bestseller geworden ist.

Mendoza ist und bleibt aber einer der großen spanischen Autoren und die, die ihn erlesen wollen, wären gut beraten mit seinen früheren Romanen wie „Die Wahrheit über den Fall Savolta“ oder „Die Stadt der Wunder“ oder „Eine leichte Komödie“  zu beginnen.

Und die, die Mendoza lieben so wie ich, werden auch wie ich Katzenkrieg lesen und es ihm verzeihen, auch wenn es schmerzt.




Eduardo Mendoza: Katzenkrieg

Aus dem Spanischen von Peter Schwaar
Die Originalausgabe © 2010 Eduardo Mendoza
Die deutsche Ausgabe © 2012 Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München
Umschlaggestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, Michelle Corrodi, unter Verwendung zweier Fotos von © Bettmann/Corbis und © Süddeutsche Zeitung Photo/Scherl Barcelona






Dienstag, 18. September 2012

Ron Leshem: Wenn es ein Paradies gibt


‚Es ist das Frühjahr 1999, noch immer steht die israelische Armee im Südlibanon, auf der Festung Beaufort treffen neue Soldaten ein: vierzehn junge Männer und der erst einundzwanzigjährige Offizier Eres.’ So liest es sich recht  nüchtern auf dem Klappentext. Und dann macht Ron Leshem tatsächlich ein Faß auf! Also wenn ich mit einem Juden mal wieder im Streit liegen sollte, weiß ich jetzt schon, was ich ihn an der richtigen Stelle unterjubeln werde, denn in diesem Roman heißt es auf Seite 32:  „Und dann wäre da noch die allerschlimmste, allerübelste Verwünschung: Gebe Gott, daß sie dir den Zettel aus der Klagemauer stehlen.“  Auf den Seiten zuvor gab es quasi eine Lehrstunde in die Terminologie und Sprache der jungen Soldaten, und die ist gepfeffert und derbe. ‚Die Jungs kommen frisch aus den Tel Aviver In-Lokalen, haben den Kopf voller Sex & Drugs und noch keine Ahnung, daß es ans Sterben geht.’ Leshem muß es wissen, er ist Jahrgang 1976. So ist dieser Roman ‚eine Geschichte von Helden, die keine sein wollen, von Angst, Freundschaft und dem Traum von einem wilden Leben. ‚

Ich las diesen Roman mit gemischten Gefühlen, denn ich lebte einige Monate in diesem ‚Paradies’, dem Süden des Libanon, und einen halben Tag lag  ich im Straßengraben unter dem Beschuß einer israelischen Kommandotrupps. Ich gewisser Weise kannte ich bisher also nur die andere Seite, über die ich bis heute noch keinen Roman kenne. Leshems Roman bietet nicht nur eine erschütternde und ‚erhellende Innenschau aus Israels Armee’ sondern auch einen Einblick in das Denken und Fühlen einer ganzen Generation und das ist überaus packend bis an die Schmerzgrenze.

Hoffnung allerdings, auf ein Paradies im Nahen Osten und Frieden, habe ich dennoch nicht, den mir scheint es, daß auch diese Generation nichts dazu gelernt hat; nicht einmal dieser junge Offizier Eres, dem nachher nicht mehr eine Handvoll seiner „Kinder“  bleiben. Gebe Gott, daß sie ihnen allen ihre Zettel aus der Klagemauer stehlen; auch die arabischen.


Ron Leshem: Wenn es ein Paradies gibt

Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
© 2008 Rowohlt  Berlin Verlag GmbH, Berlin
Umschlaggestaltung: any.way, Cathrin Günter,  Walter Hellmann
Umschlagabbildung: Bavaria Film International / United King Films
Foto des Autors: privat