Alt ist er ja nicht gerade geworden. Weder Jay Gatsby, der Held in diesem Roman, noch Francis Scott Fitzgerald der Autor, der 1896 irgendwo in Minnesota geboren wurde und der 1940, also mit 44 Jahren, in Hollywood starb. Dieser Roman erschien 1925. Ich weiß nicht woher ich es habe, aber es hieß, Bratt Pitt arbeite an einer Neuverfilmung dieses Romans. Meine Bilder im Kopf sind natürlich noch geprägt von der Verfilmung mit Robert Redford, auch wenn diese nur schwach sind. Irgendwie war ich jedenfalls auf diesen Roman gespannt und wie der Verlag verkündet, lieferte Reinhard Kaiser nun eine glanzvolle neue Übersetzung dieses, mit zu den größten und meistgelesenen Klassikern der amerikanischen Literatur zählenden Werkes.
Das Lesen hat sich für mich gelohnt. Von Anfang an fesselte mich der gediegene und solide, ruhige Erzählfluß, die detaillierten Beschreibungen der Orte und der Personen, der Stimmungen. Nichts schwülstiges, nichts aufgesetztes und der Icherzähler mit so manchem entlarvenden Gedankengang angesichts von aufgesetzter Eleganz und Prunk und all zu menschlicher Scheinheiligkeit bewegt sich scheinbar unberührt von der Dramatik und Tragik, wird zu einem mitfühlenden Begleiter. Man ist mittendrin.
Zitat:
„Ich bin Gatsby“, sagte er plötzlich.
„Sie!“, rief ich. „O, verzeihen Sie bitte.“
„Ich dachte, Sie wüßten Bescheid, alter Junge. Ich fürchte, ich bin keine besonders guter Gastgeber.“
Er lächelte verständnisvoll – und mehr, viel mehr als das. Sein Lächeln hatte etwas, das einen auf ewig zu beruhigen vermochte, ein Lächeln, wie man ihm vielleicht vier- oder fünfmal im Leben begegnet. Für kurze Zeit richtete es sich an die ganze Welt oder schien sich an sie zu richten, und dann konzentrierte es sich mit unwiderstehlicher Voreingenommenheit ganz auf einen selbst. Es verstand einen genau bis zu dem Punkt, bis zu dem man verstanden werden wollte, es glaubte einem, wie man sich selbst gerne geglaubt hätte, und versicherte einem, daß es genau den Eindruck von einem hatte, den man im allerbesten Falle zu vermitteln hoffen konnte. Genau an diesem Punkt erlosch es dann – und ich sah vor mir ein elegantes, junges Raubein, ein oder zwei Jahre über dreißig, dessen gestelzte, förmliche Ausdrucksweise ans Lächerliche grenzte. Schon bevor er sich vorgestellt hatte, war mir aufgefallen, wie sorgsam es seine Worte wählte.“
Und wie mir scheint, wählte Francis Scott Fitzgerald seine Worte in diesem Roman, der eine dramatische und tragische Liebesgeschichte ist, genauso sorgsam! Ein Genuß! Und das machte das Lesen mir zum reinsten Vergnügen.
Francis Scott Fitzgerald: Der große Gatsby
Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser
© 2011 Insel Verlag Berlin
Umschlag: Hermann Michels und Regina Göllner
Umschlagfoto: Axel Kranz
Donnerstag, 19. Juli 2012
Montag, 16. Juli 2012
Jean Echenoz: Ravel
Vor vier Jahren habe ich diesen kurzen Roman das erste mal gelesen. Jetzt lachte er mich aus dem Bücherregal wieder an und ich begann ihn noch mal mit dem größten Vergnügen zu lesen.
Ravel ist gerade auf dem Weg mit der France nach Amerika zu einer Konzertreise. Er ist 53 Jahre alt und ein alter, egozentrischer Zausel, eitel, arrogant und gelangweilt. Ein Sonderling heißt es auf dem Klappentext. Sonderling ist noch eine harmlose Untertreibung, folgt man Echenoz Darstellungen. Auf dieser Konzertreise durch die USA lernt man ihn so richtig kennen, mit all seinen Launen und Allüren, die er zweifelsohne gehabt haben wird. Ich kann wohl davon ausgehen, daß dieser Roman gut recherchiert ist.
„Während der Proben beeindruckt er die Musiker enorm, indem er täglich andere, farblich zueinander passende Hemden und Hosenträger wählt: einmal rosa, einmal blau. Alles läuft immer noch ganz ausgezeichnet, zumindest hat er diesen Eindruck, obgleich er sich nicht fragt, ob die Aufnahme, die man ihm bereitet, nicht eher das Spiegelbild des Triumphgefühles ist, das ihn seit vier Monaten erfüllt. Es ist ein solches Gefühl, daß es ihn ein bißchen übermütig macht, er wird immer nachlässiger in seiner ohnedies schon flüchtigen Art, das Klavier zu traktieren. Er denkt, das bemerke man nicht, außerdem denkt er nicht darüber nach. Aber man bemerkt es. Er weiß das nicht. Und wenn er es wüßte, es wäre ihm egal.“
Echenoz setzt das alles sprachlich meisterlich in Szene, es kommt Stimmung auf. Nach der Tournee geht es zurück nach Frankreich, auf Land, Ravel komponiert den Bolero, er ist auf dem Gipfel seines Ruhmes und Erfolges in dem er sich noch ein paar Jahre sonnen kann, doch der Leser wird Zeuge seiner letzten Jahre, seiner Schlaflosigkeit und dann seiner Hirnerkrankung bis zu seinem Tod.
Die letzten zehn Jahre Ravels, verdichtet auf 110 Seiten in diesem feinen, kunstvollen Roman.
Jean Echenoz: Ravel
Roman
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
© 2007 Berlin Verlag GmbH, Berlin
Umschlaggestaltung: Nina Rothfos und Patrik Gabler, Hamburg unter Verwendung einer Postkarte von Maurice Ravel
Ravel ist gerade auf dem Weg mit der France nach Amerika zu einer Konzertreise. Er ist 53 Jahre alt und ein alter, egozentrischer Zausel, eitel, arrogant und gelangweilt. Ein Sonderling heißt es auf dem Klappentext. Sonderling ist noch eine harmlose Untertreibung, folgt man Echenoz Darstellungen. Auf dieser Konzertreise durch die USA lernt man ihn so richtig kennen, mit all seinen Launen und Allüren, die er zweifelsohne gehabt haben wird. Ich kann wohl davon ausgehen, daß dieser Roman gut recherchiert ist.
„Während der Proben beeindruckt er die Musiker enorm, indem er täglich andere, farblich zueinander passende Hemden und Hosenträger wählt: einmal rosa, einmal blau. Alles läuft immer noch ganz ausgezeichnet, zumindest hat er diesen Eindruck, obgleich er sich nicht fragt, ob die Aufnahme, die man ihm bereitet, nicht eher das Spiegelbild des Triumphgefühles ist, das ihn seit vier Monaten erfüllt. Es ist ein solches Gefühl, daß es ihn ein bißchen übermütig macht, er wird immer nachlässiger in seiner ohnedies schon flüchtigen Art, das Klavier zu traktieren. Er denkt, das bemerke man nicht, außerdem denkt er nicht darüber nach. Aber man bemerkt es. Er weiß das nicht. Und wenn er es wüßte, es wäre ihm egal.“
Echenoz setzt das alles sprachlich meisterlich in Szene, es kommt Stimmung auf. Nach der Tournee geht es zurück nach Frankreich, auf Land, Ravel komponiert den Bolero, er ist auf dem Gipfel seines Ruhmes und Erfolges in dem er sich noch ein paar Jahre sonnen kann, doch der Leser wird Zeuge seiner letzten Jahre, seiner Schlaflosigkeit und dann seiner Hirnerkrankung bis zu seinem Tod.
Die letzten zehn Jahre Ravels, verdichtet auf 110 Seiten in diesem feinen, kunstvollen Roman.
Jean Echenoz: Ravel
Roman
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
© 2007 Berlin Verlag GmbH, Berlin
Umschlaggestaltung: Nina Rothfos und Patrik Gabler, Hamburg unter Verwendung einer Postkarte von Maurice Ravel
Donnerstag, 12. Juli 2012
Ulrike Herwig: Mein Gott, Wanda
Wenn die Hauptfigur Wanda heißt, auch wenn diese 63 Jahre alt ist, liegt die Assoziation zu dem Film Ein Fisch Namens Wanda ganz nah. Bei mir zumindest, 56 Jahre. Da habe ich dann natürlich so meine Erwartungshaltung. Wenn der Verlag Marion von Schröder heißt, ebenso. Es ist also ein Unterhaltungsroman.
Wanda hatte gerade ihren Teeladen verkauft und versuchte sich ihren Ruhestand einzurichten. Der Hund der regelmäßig in ihren Vorgarten scheißt, ärgert sie natürlich, aber dann bekommt sie überraschend eine Einladung zu einer Reise nach Australien. Übrigens sehe ich von Anfang an Senta Berger in der möglichen Filmrolle, schon nach gut fünfzig Seiten ist klar, das sie eine Idealbesetzung für Wanda ist, würde man dieses Buch verfilmen, was nicht abwegig wäre. Australien soll als das große Abenteuer werden. Pustekuchen. Wandas Sohn, die ideale Filmbesetzung wäre der junge Til Schweiger, bricht sich beim Snowboarden ganz fürchterlich das Bein und bittet so seine Mutter nach seinem Fitneßklub in Köln zu sehen. Das bringt die arme Mutter natürlich in eine schwer zu entscheidende Lage, aber wir wissen ja eigentlich wie Mütter, die Liebsten, die Besten, die Weisesten entscheiden.
Nix da Australien: Fitneßclub! Und der muß erst mal geputzt werden. Okay, fürs putzen gibt es Marianne, die hat eine Putzfimmel (Herr Gott, schenk mir eine Marianne für meine Bude). Und Biggi ist auch mit dabei. Die hat übrigens einen Blick für Männer und ein Gespür fürs Leben. Apropos Köln, nein in diesem Fitneßklub gibt es offensichtlich keine schwulen Männer. Aber so was wie Götz George läuft da schon für die Damen rum und ähnliches mehr. Ich glaube, mittlerweile könnt ihr euch ein Bild davon machen was in diesem Film so alles abgeht. Und je weiter ich las, um so mehr lebten die Bilder in meinem Kopf. Das hat Ulrike Herwig gut drauf: Sie erzählt locker flockig leicht, bildhaft und unterhaltsam.
Übrigens heißt der Hund, ein Dackel, Miles.
Ich frage mich, was dieses Buch und ein möglicher Film vielleicht, vor einer Schnulze gerettet hat. Und ich frage mich auch, ob tatsächlich solch eine Wandlung in einem 63jäjrigen Menschen vorgehen kann, wie ihn Ulrike Herwig hier beschreibt. Ich glaube, daß ist die Hoffnung die in uns allen mitschwingt, daß das Leben doch schön ist und schön sein kann, egal wann. Oder sieht Ulrike Herwig das Leben durch eine rosa Brille? Vielleicht. Aber sie hat früher erfolgreich Jugendbücher geschrieben, dies ist ihr zweiter Roman für „Erwachsene“. Und gegen eine Botschaft die Hoffnung macht und ein Buch das unterhält an Sommerregentagen ist ja nichts einzuwenden.
Mein Gott, Wanda
Ulrike Herwig
Marion von Schröder
© 2012 Ullstein Buchverlage GmbH
Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München
Umschlagabbildung: Masterfile/Ikon Images
Wanda hatte gerade ihren Teeladen verkauft und versuchte sich ihren Ruhestand einzurichten. Der Hund der regelmäßig in ihren Vorgarten scheißt, ärgert sie natürlich, aber dann bekommt sie überraschend eine Einladung zu einer Reise nach Australien. Übrigens sehe ich von Anfang an Senta Berger in der möglichen Filmrolle, schon nach gut fünfzig Seiten ist klar, das sie eine Idealbesetzung für Wanda ist, würde man dieses Buch verfilmen, was nicht abwegig wäre. Australien soll als das große Abenteuer werden. Pustekuchen. Wandas Sohn, die ideale Filmbesetzung wäre der junge Til Schweiger, bricht sich beim Snowboarden ganz fürchterlich das Bein und bittet so seine Mutter nach seinem Fitneßklub in Köln zu sehen. Das bringt die arme Mutter natürlich in eine schwer zu entscheidende Lage, aber wir wissen ja eigentlich wie Mütter, die Liebsten, die Besten, die Weisesten entscheiden.
Nix da Australien: Fitneßclub! Und der muß erst mal geputzt werden. Okay, fürs putzen gibt es Marianne, die hat eine Putzfimmel (Herr Gott, schenk mir eine Marianne für meine Bude). Und Biggi ist auch mit dabei. Die hat übrigens einen Blick für Männer und ein Gespür fürs Leben. Apropos Köln, nein in diesem Fitneßklub gibt es offensichtlich keine schwulen Männer. Aber so was wie Götz George läuft da schon für die Damen rum und ähnliches mehr. Ich glaube, mittlerweile könnt ihr euch ein Bild davon machen was in diesem Film so alles abgeht. Und je weiter ich las, um so mehr lebten die Bilder in meinem Kopf. Das hat Ulrike Herwig gut drauf: Sie erzählt locker flockig leicht, bildhaft und unterhaltsam.
Übrigens heißt der Hund, ein Dackel, Miles.
Ich frage mich, was dieses Buch und ein möglicher Film vielleicht, vor einer Schnulze gerettet hat. Und ich frage mich auch, ob tatsächlich solch eine Wandlung in einem 63jäjrigen Menschen vorgehen kann, wie ihn Ulrike Herwig hier beschreibt. Ich glaube, daß ist die Hoffnung die in uns allen mitschwingt, daß das Leben doch schön ist und schön sein kann, egal wann. Oder sieht Ulrike Herwig das Leben durch eine rosa Brille? Vielleicht. Aber sie hat früher erfolgreich Jugendbücher geschrieben, dies ist ihr zweiter Roman für „Erwachsene“. Und gegen eine Botschaft die Hoffnung macht und ein Buch das unterhält an Sommerregentagen ist ja nichts einzuwenden.
Mein Gott, Wanda
Ulrike Herwig
Marion von Schröder
© 2012 Ullstein Buchverlage GmbH
Umschlaggestaltung: Zero Werbeagentur, München
Umschlagabbildung: Masterfile/Ikon Images
Montag, 9. Juli 2012
Uzodinma Iweala: Du sollst Bestie sein!
Um dieses Buch zu lesen bin ich heute extra um vier Uhr am Morgen aufgestanden. Wenn man den Klappentext liest, ist ganz klar, daß es kein Buch zum einschlafen sein würde. Es dauerte auch eine Woche, bis ich mich überhaupt entschließen konnte es zu lesen. Sollte ich mir tatsächlich einen Roman um einen Kindersoldaten antun? Wahrscheinlich ist die Welt grausamer als es je ein Roman sein könnte. Und ich bin Teil dieser Welt und somit auch schuldig. Bertold Brecht hat eine seiner Figuren sagen lassen: „Ich bin arm, weil Du reich bist!“ Was wird mir dieser Uzodinma Iweala mit seinem Agu in seinem Roman sagen?
Ich mag diesen Agu inzwischen, auch wenn ich noch nicht weiß wie viele Kinder, Frauen und Männer er mit seiner Machete zerstückelt hat. Agus Mutter sagte ihm immer, er solle Gott fürchten und am Sonntag in die Kirche gehen, aber jetzt weiß er nicht einmal mehr, wann Sonntag ist. Ihm gefällt, wie Gewehr schießt und Machete hackt. Ihm gefällt, wie Leute vor ihm wegrennen und „schrein“, wenn er sie killt und bluten läßt. Killen gefällt ihm.
Agu wurde in seinem Dorf von den Rebellen gejagt und eingefangen und denkt scheinbar seine letzten Gedanken: „Alle Blätter sind naß vom Regen und glitzern wie Diamant oder Glas. Das Gras neben der Straße ist hoch und so grün, ich kenn das gar nicht so. Ich will jubeln, tanzen singen, weil kai! ruf ich, endlich bin ich tot. Ich denk, hey, vielleicht ist der Junge da nur Geist, und ich muß ihm noch danke sagen, weil er hat mich ins Geisterland gebracht, aber bevor ich mein Mund aufmach und was sagen kann, läßt der mich auf dem Rücken im Schlamm liegen.“ Und dann nimmt Kommandant seine Hand, zieht ihn aus dem Schlamm auf seine Füße. „Willst du Soldat werden? fragt er sanft. Weißt du was das heißt?“
Auf dem Klappentext wird Bartholomäus Grill, von der ZEIT, treffend zitiert: „Wer dieses Buch zuklappt, muß kein anderes mehr zum Thema lesen. All die Versuche von ehemaligen Kindersoldaten, ihren Leidensweg authentisch zu schildern, verblassen neben diesem grandiosen und furchterregenden Roman.“
Uzodinma Iweala lebt in Washington D.C. und Lagos, Nigeria.
Du sollst Bestie sein!
Uzodinma Iweala
2008 Ammann Verlag & Co, Zürich
Umschlaggestaltung: Beate Becker
Illustration: © Thenjiwe Niki Nkosi
Ich mag diesen Agu inzwischen, auch wenn ich noch nicht weiß wie viele Kinder, Frauen und Männer er mit seiner Machete zerstückelt hat. Agus Mutter sagte ihm immer, er solle Gott fürchten und am Sonntag in die Kirche gehen, aber jetzt weiß er nicht einmal mehr, wann Sonntag ist. Ihm gefällt, wie Gewehr schießt und Machete hackt. Ihm gefällt, wie Leute vor ihm wegrennen und „schrein“, wenn er sie killt und bluten läßt. Killen gefällt ihm.
Agu wurde in seinem Dorf von den Rebellen gejagt und eingefangen und denkt scheinbar seine letzten Gedanken: „Alle Blätter sind naß vom Regen und glitzern wie Diamant oder Glas. Das Gras neben der Straße ist hoch und so grün, ich kenn das gar nicht so. Ich will jubeln, tanzen singen, weil kai! ruf ich, endlich bin ich tot. Ich denk, hey, vielleicht ist der Junge da nur Geist, und ich muß ihm noch danke sagen, weil er hat mich ins Geisterland gebracht, aber bevor ich mein Mund aufmach und was sagen kann, läßt der mich auf dem Rücken im Schlamm liegen.“ Und dann nimmt Kommandant seine Hand, zieht ihn aus dem Schlamm auf seine Füße. „Willst du Soldat werden? fragt er sanft. Weißt du was das heißt?“
Auf dem Klappentext wird Bartholomäus Grill, von der ZEIT, treffend zitiert: „Wer dieses Buch zuklappt, muß kein anderes mehr zum Thema lesen. All die Versuche von ehemaligen Kindersoldaten, ihren Leidensweg authentisch zu schildern, verblassen neben diesem grandiosen und furchterregenden Roman.“
Uzodinma Iweala lebt in Washington D.C. und Lagos, Nigeria.
Du sollst Bestie sein!
Uzodinma Iweala
2008 Ammann Verlag & Co, Zürich
Umschlaggestaltung: Beate Becker
Illustration: © Thenjiwe Niki Nkosi
Mittwoch, 27. Juni 2012
Véronique Olmi: In diesem Sommer

Was jetzt zur Sommerzeit auf den ersten Blick wie eine amüsante, leichte Sommerlektüre daher kommt, ist, und das wird sehr schnell klar, ein ausgesprochen subtiler und lesenswerter Roman, klug, amüsant und leicht auf eine ganz besondere Weise.
Drei unterschiedliche Paare treffen sich zu einem verlängerten Wochenende in einem Haus am Meer, die Kinder des Gastgeberehepaares bringen noch Freund und Freundin mit. Das Ambiente ist natürlich malerisch, Terrasse, gutes Essen, das Meer. Friede, Freude, Eierkuchen. Aber denkste!
In diesem Jahr ist alles ganz anders. Delphine und Denis, die reichen Gastgeber haben ihre Trennung noch nicht ausgesprochen; Nikolas und Marie zelebrieren eine demonstrative Nähe, daß man sich fragt, warum leben nicht alle Paare sechzehn Jahre glücklich miteinander und haben unglaublich guten Sex solange; Lola macht’s wohl richtig und bringt auch in diesem Jahr einen anderen Liebhaber mit, einen jugendlichen Liebhaber natürlich und die pubertierende Tochter von Delphin und Denis mit ihrer Freundin tun keinen Handschlag und lassen sich bedienen. Eigentlich müßte, könnte doch alles so schöööön sein.
Mit einem Zitat von Joyce Carol Oates stimmt Véronique Olmi den geneigten Leser auf dieses Wochenende ein: „Und das tröstete mich damals und tröstet mich heute: Alles, wovon ihr glaubt, ihr hättet es euch ausgedacht, ist real. Man muß es nur überleben.“
Das deutet nicht unbedingt auf ungetrübte Sommerfreuden hin. Und dann ist man auch schon drin in einer wunderbar erzählten Geschichte und kann wirklich das Mäuschen sein und dabei zulesen, wie Olmi, Stück für Stück, diese Klischees auf recht behutsame Art und Weise auseinander nimmt.
Und dabei hat diese Frau Sätze drauf, da schlackern mir die Augenlieder. Es schien mir, also lobte sie gerade noch eine wunderbare Fassade und nach dem Komma deutet sie auf die großen Risse und den abgebröckelten Putz. In ihren Dialogen gibt es eine unglaubliche Offenheit, denn ab einem bestimmten Punkt scheinen fast alle Figuren darin ihre Fassaden, Masken und eingeübten Verhaltensweisen fallen zu lassen.
Es gibt noch eine weitere Besonderheit: Man entwickelt keine Vorurteile, wenn es um die Beurteilung von Recht und Unrecht, oder Schuld geht. Sympathien für den einen oder anderen Standpunkt mögen sich einschleichen bis man erkennen muß, daß auch der oder die vermeintlichen Kontrahenten sympathisch sind. Subtil, aber nicht subversiv.
Übrigens: Man kann das Buch ruhig mit an den Strand nehmen und ich denke mal, für so manche Begebenheiten hat sich danach der eigene Blick geändert und ein gutes Gefühl macht es auch.
Véronique Olmi: In diesem Sommer
Verlag Antje Kunstmann
Coverfoto: Trevillion, Shutterstock/svehlik
Dienstag, 26. Juni 2012
Fabio Stassi: Die letzte Partie

Das war mal wieder ein Roman, sprachlich und stilistisch, vom Allerfeinsten! Es ist der dritte Roman von Fabio Stassi, der 1962 auf Sizilien geboren wurde, und 2009 auf deutsch bei Kein & Aber erschienen ist.
José Raul Capablanca ist die Hauptfigur, ein Kubaner, und den Schachspielern unter euch muß ich nicht sagen wer das war. Es handelt sich also um die Geschichte einer realen Person. Ich weiß nicht wie frech Stassi in seiner Recherche vorgegangen ist, aber was ich gerade über Capablanca googelte und bei Wikipedia fand, las sich wie eine Personen- und Zeitangabe zu diesem Roman. Das nimmt mich noch mehr ein, für diesen klugen Autor, der vielleicht sogar ein Schlitzohr ist und der selber geschrieben hat: „Aber so ist es nun einmal mit Romanfiguren: Im Grunde Diebe und Lügner, verfolgen sie doch ihre jeweilige Wahrheit, mag sie auch noch so klein und unbedeutend sein.“
Capablanca wird 1888 geboren, guckt sich bei seinem Vater schon als sechsjähriger das Schachspielen ab, der ihn auslacht, aber dann doch mit ihm spielt. Als Wunderkind spielt danach José nicht nur seinen Vater an die Wand, sondern bis zu seinem 13. auch alle anderen Kubaner. Und irgendwann trifft er auf den Russen Alexander Aljechin bei irgendeinem Schachturnier, bei dem der Zar noch das Preisgeld stiftete, und die beiden nebenher noch darum wetteten, wer als erster die Geliebte des Großfürsten ins Bett bekommt. Dieser Schlenker sei erlaubt und macht auch deutlich, daß dies nicht nur ein Roman für Schachliebhaber ist. Einen ganz kurzen Auftritt haben später auch noch Stalin und Che Guevara, was unter dichterische Freiheit sicher fällt. Nicht erfunden ist die Tatsache, das Casablanca eine wunderschöne Frau geheiratet hatte, eine russische Prinzessin.
Dieser 236 Seiten zählende Roman hat 64 Kapitel!!! Das braucht niemanden zu erschrecken, der überlegt diesen Roman lesen zu wollen. Im 58. Kapitel, also zum Ende hin, gewährt Capablanca ein tiefen Einblick in sich selbst und gleichzeitig einen Ausblick auf den Autor:
„Mehrere Male hatte er daran gedacht, die Regeln zu verändern und neue Figuren einzufügen. Ein Fabeltier oder ein Symbol für den modernen Krieg. Er spürte, das dieses uralte Spiel noch immer, und zwar auf höchst dramatische Weise, das menschliche Schicksal darstellte, doch das es an der Zeit war, dieses Schicksal zu ändern. Vielleicht könnte man einen Engel aus Holz schnitzen und ihn im Tiefflug über jede in einem Remis geendete Partie schweben lassen, um wenigstens im Spiel den Frieden zu simulieren. Er wußte nur zu gut, daß man sich am Ende an das Leben klammerte und daß nicht einmal die Musik oder eine vollkommene Partie einem die Illusion vermitteln konnte, seines Schicksals enthoben zu sein.“
Abschließend will ich noch kurz zitieren, was Fabio Stassi selbst zu diesem Roman, auf der letzten Seite als Danksagung, geschrieben hat:
„Dieses Buch hat vierundsechzig Kapitel, ebenso viele, wie ein Schachbrett Felder hat. Vierundsechzig kleine weiße und schwarze Quadrate, auf denen die Geschichte spielt, die es erzählt. Vielleicht deshalb, weil Romane für mich mehr mit der Geometrie und der Mathematik des Schachs zu tun haben als mit jener undefinierbaren und ungreifbaren Sache, die wir Literatur nennen. Sie sind für mich ein Duell aus Eröffnungen und Endspielen, geheime Strategien und Figurenopfern.“
Fabio Stassi: Die letzte Partie
2008 by Fabio Stassi
2009 Deutsche Erstausgabe by Kein & Aber
Coverfoto: Giuselle Cavalli, Solitario, 1948
Samstag, 23. Juni 2012
Robert Haasnoot: Der Erinnerer

Ich liebe handliche Romane, die ich an ein oder zwei Tagen lesen kann: Ein Tag, ein Buch! Die ersten fünfzig Seiten am Vorabend vor dem Einschlafen wie eine verheißungsvolle Einstimmung und am nächsten Tag, voller Neugierde und Erwartung, in Abgeschiedenheit und Ruhe zu Ende lesen. „Der Erinnerer“ hat 207 Seiten.... und wenn es gut war, klingt es noch eine Zeitlang in mir nach.
Die Möglichkeit, daß ein kleines, pieseliges holländisches Dorf , den Stoff für eine erzählenswerte Geschichte hergeben könnte hat mich überrascht und schnell merkte ich, daß ich mich auskannte in dieser Gegend, auch wenn mir der Ort Zeewijk nichts sagte und die Geschichte um 1900 handelte. In diesem Dorf lassen sich ungewöhnlich aggressive Raaben im Kirchturm nieder, ein Traum von einem heiligen Ort in den Dünen wird von den meisten Dorfbewohnern geträumt und eine Kaninchenseuche bricht aus und dies alles macht die Runde unter den strenggläubigen Bewohnern des Küstendorfes und treib eigentümliche Blüten des Aberglaubens. Der Erinnerer ist der Chronist des Dorfes, der die Aufgabe hat, alles aufzuschreiben, wie seine Vorfahren vor ihm, auch wenn sich für diese Chroniken und Annalen nicht mal mehr die Gemeindeverwaltung in Den Haag interessiert, oder die Familie des Barons, die über Jahrhunderte hinweg, die Erinnerer bezahlt hatte. Und dennoch tut dieser Erinnerer nichts anderes, als alles aufzuschreiben und das Ganze liest sich dann wie ein fesselndes Märchen. Unheimlich und gruselig fühlt es sich zunächst an bis dann die Protagonisten immer deutlicher und menschlicher werden.
Fasziniert hat mich Haasnoots Schreibstil! Noch ein Vorurteil, welches ich ablegen mußte, denn mir fiel auf Anhieb kein bedeutender holländischer Schriftsteller ein. Dieser Roman „klingt“ wie das sanfte Meeresrauschen an der Küste und gelegentlich nimmt die „Brandung“ zu.
.... und es klingt immer noch nach in mir!
Robert Haasnoot:
Der Erinnerer
2005 Robert Haasnoot
für die deutsche Ausgabe 2008 Berlin Verlag GmbH, Berlin
Umschlaggestaltung: Nina Rothfos und Patrik Gabler, Hamburg unter Verwendung einer Fotographie von James Nelson/Getty Images
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